Anthony's Attic
kommen aus Hamburg, schickten uns vor einigen Tagen ihre Tonträger
und erfüllen seitdem unsere Redaktionsräume mit dem Klang
ihrer fröhlich-exzentrischen Partymusik. Bevor der altersweise
Leser unseres kleinen Online-Magazins jetzt vorschnell an James
Last "Non-Stop Dancing '77" denkt, korrigieren
wir uns selbst, betonen lieber die Exzentrik und verweisen ferner
auf die nervöse Gitarrenarbeit und Rhythmik des ursprünglichen
New-Wave. Nein, wir reden auch nicht unbedingt von Franz Ferdinand,
eher von surrealistischen Texten und einer Kunststudenten-Verschrobenheit
im Stile der frühen B-52's bzw. von Devo.
Ewige Nörgler werden hier zwar anmerken,
daß weder Fred Schneider, noch Mark Mothersbaugh
jemals gesanglich beeindrucken konnten. Gut, der Erstgenannte kann
nicht wirklich singen, aber das tut nichts zur Sache und dieser Satz
ist gleich in mehreren Kontexten wahr. Darum geht es nämlich
gerade nicht, will ich sagen, was wiederum eindeutig doppeldeutig
klingt und so gemeint ist.
Es gibt Tage, da kann und will ich solche Sätze nahtlos aneinanderreihen,
immer von der Hoffnung getragen niemand oder höchstens ein Jemand
möge sie verstehen. Abgrenzende Individualisierung oder individualisierende
Abgrenzung möchte ich betreiben, die Spreu vom Weizen trennen,
jedoch ohne echte Ausgrenzungsgedanken. Sondern viel lieber für
Kenner und Nichtkenner eine eigene Ebene schaffen, einen Review schreiben
der gleich für mehrere Ziel- und Altersgruppen funktioniert.
Ein sinnloses Unterfangen, deshalb mal etwas ganz anderes:
Es war ein harter Tag, wieder 8 Stunden am Metalldetektor in der Käsefabrik
gestanden und nur einen Emmentaler mit eingeschlossener M6-Mutter
vom Produktionsband gezogen. Man fühlt sich ausgebeutet und überbezahlt
zugleich und fragt sich, wann werden die zwanzig Semester Kunstgeschichte
endlich vergessen sein. Solange dieser Zeitpunkt nicht eintritt, hat
man diesen dumpfen Drang nach Abwechslung und möchte zumindest
einmal am Tag was Anspruchsvolles getan haben - aber was? Die voranschreitende
Abgestumpftheit benötigt jedoch eine Inspirationsquelle und da
mit Musik ja bekanntlich alles besser geht, sollte man spätestens
jetzt zu einer CD von Anthony's Attic greifen.
Es gibt nämlich genau zwei Stück ("Headshell"
und "Among The Tinhearts") und beide besitzen mehr
Abwechslungsreichtum und Daseinsberechtigung als z.B. sämtliche
Solo-Anstrengungen von Sting. Totschlagargument? Mitnichten!
Zwei Alben, die einen bei jedem Durchlauf weiter in ihren Bann ziehen
und deren Verspieltheit jedes Mal mehr beeindruckt. Sprich, Alben
die mit einem wachsen und an denen man selbst wachsen kann.
Während das Debütalbum "Headshell" noch
eher im Punkrock wurzelt bzw. melodiösen C86-Schrammel-Indiepop
(Spoil My Party, Amateur, Trip On My Head, Back
On Earth) liefert, orientiert sich "Among The Tinhearts"
in Richtung des bereits oben erwähnten New-Wave-Sounds. Nachfolgend
ein paar grobe Anhaltspunkte und Einordungsversuche über beide
Alben hinweg. "Stumbling Through Curtains", "The
World Stood Still" oder "The Key" erinnern
an TMBG, der Titel "Smash it Up" könnte
auch von British Sea Power oder den frühen Talking
Heads stammen. "Anytime" und "Sunshine
In A Tin Can" verströmen die Indie-Pop-Naivität
einer Sarah-Band. Der geniale Song "Mango"
ist Art Brut und Devo zugleich, wobei besonders
das zugehörige Video, Erinnerungen an die trashig-kultige Videokunst
von Devo aufkommen läßt. Für einen optischen
und akustischen Eindruck möchten wir an dieser Stelle auf die
MySpace-Seite (oder YouTube.com) der Band verweisen. Das zweite Album
"Among the Tinhearts" erscheint am 01.07.2007 auf
dem bandeigenen Label Chocofilet und kann (ebenso wie das
Albumdebüt) bedenkenlos erworben werden.
Anthony's Attic, ganz offensichtlich Musik
von Indie-Fans für Indie-Fans, bzw. genau das Richtige für
Leute die den Dachboden voller Gerümpel haben und ihren neuen
iPod jederzeit gegen einen kaputten Korg VC-10 mit
Schwanenhalsmikrofon eintauschen würden...
[Marc Hendricks 06/2007 für PoprockUnion]
Mitglieder:
(Band Members)
- Tom Fenn (vocals, guitar, melodica), Mirja Brandenburg (guitar, synthesizer, vocals), Martin Hau (bass), Dirk Schumacher (drums)
Musikstil/-Genre:
(Musical Style/Genre)
- Indie-Rock, New Wave
Vergleichbare Bands:
(Similar Artists)
- The Wedding Present, B-52's, Devo, Talking Heads, Magazine, They Might Be Giants, Art Brut, Ween, Brakes, The Fall, Nada Surf
External Links:
- Anthony's Attic (Offizielle Webseite) oder Anthony's Attic (Myspace)
Ausgewählte Diskographie:
(Selected Discography)
- Headshell (LP, 2006)
- Among The Tinhearts (LP, 2007)
Song-Empfehlungen:
- 1. Mango
- 2. Wide Awake
- 3. It Might Rain Flowers Today
- 4. Rape Dance Town
- 5. Someday
- 6. The Key
- 7. Spoil My Party
- 8. Tonight

