Wenn ich täglich zusehen muß, wie deutsche Hip-Hop bzw.
Rapmusik medial überrepräsentiert wird, sich präsentiert
oder präsentieren läßt, bekomme ich ganz schnell das
Bedürfnis in eine Universitätsbibliothek zu flüchten,
oder zumindest musikalische Abgrenzung zu betreiben. Manchmal denke
ich auch wehmütig an Schweden, denn dort gibt es keinen Rap,
habe ich mir sagen lassen. Dort beherrscht der gepflegte Indie-Pop
die Charts, jedenfalls will ich das glauben. Und wo die Schweden etwas
auf die Beine gestellt haben, wollen auch die Dänen ihren Teil
abhaben, doofe Bandnamen inklusive, oder, um nicht ungerecht zu sein:
die dänische Indie-Band moi Caprice
könnte ich mir auch gut als schwedische Labrador-Veröffentlichung
vorstellen. Bevor hier aber zu vieles durcheinander gerät, die
vier Dänen mit dem französisch anmutenden Namen veröffentlichen
unter dem Label von Divine Records.
Divine Records ist eine dänische
Plattenfirma, die 2007 eine Zweigstelle in Hamburg eröffnete
und sich die Aufklärung der deutschen Jugend mit dänischer
Musik auf die Fahnen geschrieben hat. Labelgründer Flemming
Borby ist übrigens der Kopf der Band Labrador,
womit sich jetzt ja irgendwie der oben begonnene Kreis schließt
und sich im Kurzzeitgedächnis die Verwirrung aggregiert.
Das neue Album von moi Caprice heißt "The
Art Of Kissing Properly" und zeigt sehr schön, daß
die Skandinavier scheinbar so etwas wie einen musikalischen "Midas
Touch" besitzen. Ob dies tatsächlich auf die gesamte Schaffensphase
von moi Caprice zutrifft, kann ich mit letzter Sicherheit
aber nicht beantworten, denn die hier vorliegende CD ist bereits das
dritte Album der Band. Fast jedes Stück ihrer feinsinnigen Inspiration
klingt golden, ist von samtweicher Haptik, durchweg singletauglich
und geht runter wie Öl. Feinste Independent-Musik mit 80er-Flair,
zwischen Wave- und Dreampop, produziert von Gareth Jones
(Depeche Mode, Erasure, Wire, Interpol, Nick Cave, Vega 4)
- was ich mir einbilde hören zu können.
Das dargebotene Programm im Einzelnen: Orchestrale Synthie-Arrangements
mit Glockenspiel und einigen Depeche Mode-Sounds, melancholische Backgroundgitarren,
smithssche Mundharmonika, sanft-rauhe bis Suede-artig
leidende, hallgetränkte Mitsing-Refrains. Pathetische Ohrwurmmelodien
und eine dezente, aber treibende Rhythmik, immer recht scharf an der
Grenze zur Tanzbarkeit. Die musikalische Geschlossenheit dieses Albums
macht es fast unmöglich, hier nicht wenigstens mit einem Ohr
mitzugehen und mit einem Bein mitzuwippen. Eben irgendwie Indie-Pop
der gekonntesten und damit schönsten Art und Weise - düster-melancholisch,
leicht naiv und subtil zugleich. Ein praller Korb voller Harmonien,
die mich ständig an die unterschiedlichsten Sachen erinnern und
moi Caprice letztes Jahr den Preis für
"Best Band" in Dänemark beim renommierten
"Steppeulven" Musik Award eingebracht haben.
Auf "The Art Of Kissing Properly" überzeugen
uns 11 gefühlvolle Kraftpakete, bekannte Melodien, zu einem vollen,
brillianten Sound, daß auch Dänemark mehr als nur A-ha,
Mew und Kashmir zu bieten hat.
Im Januar kommt die Band für drei Konzerte nach Deutschland (Hamburg,
Berlin und Leipzig), eine längere Tour ist für das Frühjahr
(April 2008) geplant.
[Marc Hendricks 01/2008 für PoprockUnion]
Mitglieder:
(Band Members)
- Michael Møller (vocals, synthesizer), David Clemmen Brunsgaard (guitar), Jakob Millung (bass), Casper Henning Hansen (drums)
Musikstil/-Genre:
(Musical Style/Genre)
- Indie-Rock, New Wave/Gothic-Rock, Synthie-Pop
Vergleichbare Bands:
(Similar Artists)
- The Mary Onettes, The House Of Love, Carpark North, Strip Music, Clan Of Xymox, The Heart Throbs, Peter Murphy, Depeche Mode
External Links:
- moi Caprice (Official Site) oder moi Caprice (Myspace)
Ausgewählte Diskographie:
(Selected Discography)
- Once Upon A Time In The North (LP, 2001)
- You Can't Say No Forever (LP, 2005)
- The Art Of Kissing Properly (LP, 2007)
Song-Empfehlungen:
- 1. The Art Of Kissing Properly
- 2. Drama Queen
- 3. I Hate The Place, But I Go There To See You
- 4. The Town And The City
- 5. A Supplement To Sunshine
- 6. To The Lighthouse
- 7. My Girl You Blush

