Vermutlich werden eingefleischte Indie-Fans den Italiener Giovanni Ferrario bereits kennen, wer trotzdem keinen blassen Schimmer hat, so wie ich, der bekommt im April eine neue Gelegenheit die Versorgungslücke zu schließen. Dann veröffentlicht der Hugo Race & True Spirit -Gitarrist, Produzent, Micevice -Kopf und Studiomusiker von PJ Harvey/John Parish nämlich sein erstes Solo-Album auf Solaris Empire/Pocket Heaven .

"Headquarter Delirium", so der Titel des Longplayers, ist eine Mischung aus kraftspendender Desorientierung, kommerziellem Selbstmord und Songwriter-Genialität, die sich ganz dem musikalischen Experimentieren hingibt. Kurzum, der Albumtitel " Headquarter Delirium " trifft den Nagel schon ganz gut auf den Kopf, denn musikalisch ist diese CD ein äußerst flatterhaftes Wesen: Da wären Züge des Blues Rock, fast klassische Singer/Songwriter-Balladen, psychedelische Kakophonie und eine gewisse musikalische und stimmliche Anlehnung an Lou Reed , Iggy Pop oder auch David Bowie , verwoben mit Drumcomputer und elektronischen Sequenzer-Spielereien (Indietronics) und natürlich Jazz-Improvisationen. Wenn ich jetzt noch anmerke, daß besonders die elektronisch-dominierten Stücke (z.B. War's Over , Delirium Headquarters ) an A.R. Kane erinnern, dann dürfte die Verwirrung perfekt sein. So verwunderte es kaum, daß die resultierende Mischung wirklich eine ziemlich unbeständige Mixtur ist.
Alle Songs und musikalischen Stil-Elemente von Giovanni Ferrario und seinen vielen Begleitmusikern drohen ständig damit, wieder auseinander zu driften und zu ihren Ursprüngen zurückzukehren. Was sie dann aber nicht tun, da sie auf " Headquarter Delirium " doch irgendwie einen unwahrscheinlichen Zusammenschluß verschiedenster, oberflächlich unvereinbarer Musiktraditionen bilden. Insgesamt ergibt sich daraus eine zu jedem Zeitpunkt seine Daseinsberechtigung besitzende bzw. erforschende Gratwanderung zwischen Schizophrenie, künstlerischem Anspruch und mutiger Selbstbehauptung - Dinge von denen CD-Presswerke in der Regel nicht mehr als 1000 Stück rauswerfen. Über die in der Musik allgegenwärtige künstlerische Ausdruckskraft von Giovanni Ferrario hinweg, suchen sich die Stücke immer wieder Verbindungspunkte zu ihren Vorbildern ( Velvet Underground, Tom Waits, Nick Cave, David Bowie ). Ferrarios tiefe Stimme steht dabei im Mittelpunkt eines gelungenen und enorm abwechslungsreichen Albums. Er vertritt anscheinend die Philosophie des guten Songs, d.h. die einzelnen Stücke dürfen durchaus eine ansprechende Melodie haben, aber das darf man nicht zu offensichtlich durchblicken lassen. Besser ist es, alles komplex zu verschachteln, denn das fesselt die Aufmerksamkeit. Wenn der Hörer sich also darauf einlassen will, dann ist diese CD ein faszinierendes und mit Ausdauer und viel Kreativität zusammengetragenes Puzzle, welches bei mir ca. 3 Durchläufe und eine Udo Lindenberg -Fernsehwerbung für die Erkenntnis gebraucht hat, daß jeder die Musik macht bzw. bekommt, die er verdient. Zur Zeit bzw. rund um den Veröffentlichungstermin (25.04.2008) des neuen Albums absolviert Giovanni Ferrario einige Konzerttermine in Deutschland. Die Record Release Party findet am 21.5. im Schokoladen in Berlin-Mitte statt. Genauere Informationen zu den einzelnen Shows gibt es auf der zugehörigen MySpace-Seite.

[Marc Hendricks 04/2008 für PoprockUnion]


Bandmitglieder:  Giovanni Ferrario (vocals, bass, guitar), Gabriele Ponticiello (guitar), Enrico Gabrielli (piano, saxophone, flute), Jean-Marc Butty (drums, percussion), Hugo Race (vocals, words) usw.

Musikstil:  Indie-Rock

Vergleichbare Bands:  Velvet Underground, Lou Reed, dEUS, David Bowie, Iggy Pop, Nick Cave, Neil Diamond, Cake , A.R. Kane


Ausgewählte Diskographie:

Headquarter Delirium (LP, 2008)

Song-Empfehlungen:

1. The Story Of Your Life
2. New car
3. Holy Freebased Blues
4. Honeymoon In Tribeka








  • Aztec Camera

    Die schottische Band "Aztec Camera" war ein Bandprojekt von Roddy Frame mit wechselnden Gastmusikern, u.a. Malcolm Ross von Josef K. bzw. Orange Juice. Gegründet wurde Aztec Camera 1980 und das Debüt-Album "High Land, Hard Rain" von 1983 darf man, hoffentlich ungestraft, als den kreativen Höhepunkt bezeichnen. Zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere galten Aztec Camera im Kreise britischer Journalisten und Indiefans als die kommende Band, zumal ihre Country-Klamotten, ihre Singles und die bereits erwähnte Debüt-LP auf Rough Trade so schön als Gegenentwurf zum vorherrschenden Synthi-Pop herhalten konnte.

     
  • Captain

    Abwechslung tut Not und wenn es der Hype-Fahrplan zuläßt, dann ist die Zeit sicherlich reif für eine Band wie beispielsweise Captain. Diese 5-köpfige Newcomer-Band aus London hat sich dem spät-achtziger Gitarrenpop verschrieben. Jetzt liegt ein Album vor, sauber produziert von Trevor Horn (ABC, Propaganda, FGTH, Pet Shop Boys, Seal, TATU, Simple Minds) und mit dem nötigen Schmalz ausgerüstet, eröffnen Captain dem geneigten Indie-Publikum damit einen Klang- und Melodienreichtum, den der WDR-2-Hörer manchmal so gerne verfluchen möchte.

     
  • Editors

    Wem die musikalische Grundversorgung mit zwei Interpol-Alben nicht ausreicht, der kann seit dem 25. Juli 2005 auch zum Editors-Album "The Back Room" greifen. Die Editors, wohlgemerkt ohne vorangestelltes "The", kommen aus Birmingham und dürfen deshalb als die englische Antwort auf Interpol angesehen werden, denn nicht nur stimmlich erinnert so einiges an die erfolgreichen New Yorker.