Vielleicht haben uns Tunesday Records ja ganz böse reingelegt als diese uns auf Haymo Doerk , mit dem Hinweis auf Poems For Laila, aufmerksam machten. Unsere kleine Redaktion kannte nämlich die Folk-Rock Band Poems For Laila noch aus den frühen 90er Jahren. Immerhin produzierte kein geringerer als David M. Allen (The Cure) damals das Album "La Filette Triste". Warum sollte also ein früherer Poems For Laila-Gitarrist nicht zu unserer Zielgruppe passen.

Gut, bei der Rezensionsanfrage fiel kurz das Wort "entspannt" im Zusammenhang mit dem neuen Album " Moving Circles " von Haymo Doerk . Aber es gibt schließlich entspannten Rock, entspannten Indiepop, entspannten Neo-Folk mit Indietronics-Einschlag usw. Manchmal sind wir eben doch naiv bis ahnungslos im Vorgespräch und hochgradig ratlos wenn der Tonträger in die Tiefen des CD-Players einfährt und loslegt. Wir hatten sämtliche Variationen der Entspannungs- bzw. Funktionsmusik verdrängt. Auswüchse wie Ambient, New Age, Chill-Out, Lounge-Musik bzw. Muzak oder Fahrstuhlmusik. Musikalische Spielarten die aus ihrer Hauptfunktion keinen Hehl machen und denen man den Prädikatsstempel "Hintergrundmusik" wohl ungestraft aufdrücken darf. Musik eben, die die eigene Beiläufigkeit bereits im Entstehungsprozeß ganz bewußt mit einkalkuliert. Was Haymo Doerks " Moving Circles " angeht, so wissen wir leider nicht, welche Intention ihn zu diesem kalten Kaffee-del-Mar getrieben haben könnte.

Wir sind auch keine Experten auf dem Gebiet der Funktionsmusik und müssen deshalb auf Genre-Einordnungen wie Ambient bzw. Chill-Out-Musik zurückgreifen, zumal die Infos der Plattenfirma die Musik auf dieser Platte als " abwechslungsreichen und virtuos dargebotenen Instrumental-Crossover " bezeichnet. Virtuos ist dabei das von Haymo Doerk gekonnt dargebotene Gitarrengezupfe, welches sich aber neben dem Synthie- und Drumcomputergetucker niemals so richtig in den Vordergrund drängt. Insgesamt bleibt die Musik auf diesem Album immer nur Untermalung, so daß sich Räume für Bilder, Nebenbetätigungen und kritische Fragen eröffnen. Sollen diese wohlklingenden, für den Hintergrund bestimmten Klänge vielleicht Fernsehredakteure ansprechen, die Begleitmusik für Reisemagazine suchen? Oder etwa für Zusammenschnitte von Weltraum- und/oder Webcambildern im Nachtprogramm genutzt werden? Ganz früher nannte man so etwas vielleicht Tangerine Dream, Klaus Schulze oder Andreas Vollenweider. Synthesizer waren so groß wie Einbauküchen und dementsprechend teuer. Später, ca. 1993, nannte man so etwas auf jeden Fall Ambient. Damals waren Synthesizer und Drumcomputer schon günstiger geworden, trotzdem entlockten viele Ambient-Musiker ihren Maschinen nur endlose Sequenzen mit wabernden Sounds für vielfältige entspannungsgeladene Bewusstseinszustände. Zu Stars wurden The Orb, FSOL, Orbital, Underworld oder auch Laurent Garnier, denn deren Alben besaßen tatsächlich Songs, die man sich durchaus merken konnte und wo man wußte, welchen Song man die letzten 5-20 Minuten gehört hatte. Und The Moog Cookbook waren zumindest witzig.

Heute, im Zeitalter von Heimcomputer, Cubase und Software-Synthesizer ist keine Pionierarbeit mehr zu leisten und alles irgendwie schon einmal da gewesen. Eine Frage aber bleibt bestehen, dürfen wir Haymo Doerks " Moving Circles " unserer ästhetischen Betrachtung und musikalischem Diskurs unterziehen und das Album als uninspirierendes, langweiliges Ambient-Machwerk bezeichnen? Immerhin gibt es ausreichend Fans der " Cafe-del-Mar "-Platten und sogar das " Rilke Projekt " bezeichnen gewisse Kreise als Musik mit eigenständigem Anspruch. Überraschungen sucht man auch dort zumeist vergeblich, was für das anvisierte Zielpublikum aber keinen Mangel darstellt, weil dort aktiv ein völlig bruchloses Hintergrund-Hörerlebnis gesucht wird. Sofern Haymo Doerk seine "Moving Circles" als  "Musiktapete" begreift, so hat er trotz unserer Kritik und unseren Maßstäben alles richtig gemacht, denn wir haben der richtigen Musik die falschen Maßstäbe angelegt. Sicher ist, daß hier weder Gitarren noch Beats stilprägend eingesetzt werden und die Musik zu jeder Zeit mit ihrer vielseitigen Verwendbarkeit, für eine angenehme Lebens- und Arbeitsatmosphäre sorgen kann. Nur den Hörer bewußt in ihren Bann zu ziehen, das schafft diese Platte nicht - es ist und bleibt Musik für die Wellness-Oase.

[Marc Hendricks - PoprockUnion - 09/2009]

 

Bandmitglieder: Haymo Doerk (guitar)

Vergleichbare Bands: Cafe Del Mar, Klaus Schulze, Tangerine dream, Sven Väth


Ausgewählte Diskographie:

Shadows Of The Past (CD, 2005)
Moving Circles (CD, 2009)


Song-Empfehlungen:

1. Butterfly in love
2. Footprints in the sand
3. Island dreams

  • Pardon Ms. Arden

    Passend zum gefühlten Sommeranfang und gewissermaßen als melodiegeladenen Ostergruß, schickte uns Bastian Hager von I Hate Music Records das Albumdebüt von Pardon Ms. Arden. Das Erstlingswerk dieser jungen Münchner Band heißt "I Bet You're Pardon Ms. Arden" und erscheint im April 2007. Der ausführliche und blumig-wortgewaltige Infobrief der Plattenfirma sagt über diese Band, daß man diese drei Musiker ungestraft in die große Schublade mit bzw. zwischen Oasis und Mando Diao stecken darf.

     
  • Eels

    Zu Beginn ihrer Karriere machte Ober-Aal "E" mit seinen Eels einen feinen, ruhigen Gitarren-Pop. Danach wurde es poppig-bedrückend, später etwas niedlich-sarkastisch und dann krautrockig. Insgesamt ist Mastermind "E" also ein recht vielseitiger Kautz, der es immer versteht seine momentane Gefühlslage in den Songs widerzuspiegeln. Deshalb muß man die Eels eher als Gesamtkunstwerk betrachten und mögen, ansonsten wird einem diese musikalische Selbsthypnose insgesamt verschroben und richtungslos vorkommen.

     
  • Razorlight

    Komisch, in der Vergangenheit haben wir ja gerne mal die Band Razorlight als Vergleich herangezogen, scheinbar ist aber niemandem die fehlende Bandinfo aufgefallen. Na ja, möglicherweise fehlen hier einfach zu viele wichtige Künstler, so daß selbst die Redaktion den Überblick verloren hat.