Irene Bandfoto

Während ich diese Zeilen über die schwedische Indie-Band Irene tippe, hat bei uns in Nordrhein-Westfalen gerade der goldene Oktober begonnen. Und was soll ich sagen, das neue Album dieser feinen Labrador -Band hätte ich gerne im Sommer gehört. Spitzfindige Mitmenschen werden jetzt sicherlich fragen: Welcher Sommer? Ich antworte lieber mit der berechtigten Gegenfrage: Welche Platte denn? Diese soll hier ja das Thema sein.

Der "Longplayer" heißt "Long Gone Since Last Summer" und wenn Euch bei dieser wohlformulierten Parallele zum tatsächlichen Sommer schon jetzt ein Anflug von ketzerischem Sarkasmus überkommt, dann werdet Ihr gleich nochmal vor Freude in die Hände klatschen. Die CD hat nämlich obendrein auch nur eine Spieldauer von knapp 27 Minuten, also genau die richtige Länge für die diesjährige Grillsaison. Was bleibt ist die Hoffnung auf einen milden Winter, oder eben darauf, daß dieses überaus sonnige Album auch die kurzen Tage etwas verschönern kann. Jedenfalls versprühen Irene auf ihrem zweiten Album eine Menge an positiver Energie. Manchmal wird auch ein wenig Melancholie beigemischt, dann fühlt man sich (wehmütig) an The Pale Fountains zurückerinnert. Dies ist aber nur eine Perle auf der langen Assoziationskette, denn wer Line-Up und Instrumentierung im Blick hat, denkt sofort an die Musiker-Kommune von The Polyphonic Spree . Mastermind hinter Irene ist Tobias Isaksson aka Bobby ( Ex- Laurel Music) , der mit seiner tiefen, bisweilen etwas schrägen Intonation auch einen passablen Neil Hannon ( The Divine Comedy ) abgeben würde. Beispiel gefällig, Track 5, " Out Of Tune ". Gegründet wurde die zwischen 8 und 10 Mitgliedern rangierende Band im Jahr 2005 in Göteborg. Mit ihren Singles " Little things (that tear us apart) ", " Baby I Love Your Way " und dem Debütalbum " Apple Bay " wurden Irene schnell mehr als ein Geheimtipp.

Auf ihrem neuen Album " Long Gone Since Last Summer " wird jetzt nachgelegt, wobei auf die bewährte Rezeptur zurückgegriffen wird. Viele Sonnenstrahlen wurden für diese Produktion eingefangen und wiederum in einen beschwingten Sommer-Indiepop von zeitloser Eleganz umgeformt. Die offensichtlichsten Einflüsse reichen von 60s-Soul, über die Schnittmenge zwischen den Beach Boys und den Mamas & The Papas , bis hin zu deutlichen Anleihen beim Twee-Pop. Für ihren melodiegeladenen Sound werden gezielt Bläser, Orgeln und weibliche Backing-Vocals mitsamt "Uuhs" und "Aahs" eingesetzt, denn 10 Bandmitglieder wollen ja auch beschäftigt werden. Glücklicherweise wirkt das Album zu keinem Zeitpunkt überladen und mit ihren klassischen Indie-Pop-Perlen bringen uns Irene locker und unbeschwert durch den Winter. Wer andere Vorstellungen von Winter-Musik hat, oder in den Wintermonaten lieber seine Depressionen pflegt, der kann sich selbstverständlich auch einen Knoten ins Taschentuch machen - bis zum nächsten Sommer - irgendwann kommt er bestimmt.

[Marc Hendricks 10/2007 für PoprockUnion]

 

Bandmitglieder:  Tobias Isaksson aka Bobby (lead vocals, guitar), Anders Jacobson aka Bernard (guitar), David Magnusson aka Glenn (drums), Christian Ljung aka Neil (bass), Oskar Lindberg aka Mack (piano, organ), Måns Wiklund aka Brent (piano, organ, b. vocals), Lena Gunnarsson aka Eileen (trumpet), Maria Gustafsson aka Nancy (b. vocals), Magnus Insinna aka Phil (b. vocals), Mindy Lara aka Betty-Lou (vocals)

Musikstil:  Indie-Pop, Twee-Pop

Vergleichbare Bands:  The Divine Comedy, The Polyphonic Spree, The Pale Fountains, Cinerama, Suburban Kids With Biblical Names, The Sunny Street , The Field Mice, Belle & Sebastian


Ausgewählte Diskographie:

Apple Bay (LP, 2006) 
Long Gone Since Last Summer (LP, 2007)


Song-Empfehlungen:

1. By Your Side
2. Out Of Tune
3. Back To Back
4. Looking For Love
5. Seaside
6. Baby I Love Your Way







  • Nada Surf

    Als Musik-Junkie wird man ja oft gefragt, ob Platte X von Band Y wirklich so gut ist wie alle sagen (und ich warte schon jetzt auf den Tag, an dem ich diesen Artikel ändern muß, weil gerade eine Band namens Y die Platte X veröffentlicht hat). Meistens ist die befragte Platte ja auch irgendwie gut, da man sich als Indie-Fan ja am liebsten in einem relativ geschmacksicheren Umfeld bewegt, der Zeitgeist das Übrige tut und man sich von Ignoranten schon mal gar kein Gespräch aufzwingen läßt. Aber ich schweife ab.

     
  • Longwave

    Longwave würde ich spontan nach England verlegen und auch dort die Referenzen suchen, da sie aber aus New York kommen, liest man natürlich irgendwie überall Vergleiche wie Interpol und Strokes. Dabei sehen sie höchstens ein wenig wie die Strokes aus, aber Interpol höre und sehe ich da beim besten Willen nicht heraus. Vielleicht kann man ihr Album "The Strangest Things", welches sehr schön ist, noch am ehesten mit dem letzten Stills-Album vergleichen.

     
  • Elastica

    Die beinahe Frauenband Elastica hatte im Britpop-Jahr 1995 mehrere beinahe Hits, die sie beinahe ganz alleine geschrieben hatten. So bemerkten aber Wire, daß "Connection" doch einige Ähnlichkeit mit "Three girl rhumba" aufwies und die Stranglers hörten in "Waking Up" irgendwie "No more heroes" heraus. Aber egal, denn dafür war Sängerin Justine Frischmann tatsächlich die Freundin von Brett Anderson und Damon Albarn und das Album "Stutter" konnte tatsächlich den ersten Platz der britischen Album-Charts belegen.