Bekanntlich wird in Großbritannien gute Musik gemacht, quasi aus dem Nichts tauchen ständig neue Independent Bands auf und doch können sich nur ganz wenige auf Dauer etablieren. Das liegt zum einen an der allgemeinen Schnelllebigkeit von musikalischen Trends, zum anderen auch am beliebten " Bandwagon Effect ", welcher ebenfalls als Sargnagel jeglicher Trends verstanden werden muß. Gemünzt auf The Cinematics aus Schottland könnte man das eben beschriebene Szenario auch platter formulieren, indem man feststellt:

The Cinematics haben mit ihrem Debütalbum "A Strange Education" (VÖ: 03/2007, TVT Records, Edel ) das Telefon erfunden, aber als es darum ging das Patent anzumelden, muß die Amtsleitung wohl längere Zeit belegt gewesen sein. Musikalische Innovation darf man also beim Kauf dieser CD nicht unbedingt erwarten, aber Freunde des hochgradig soliden und tanzbaren New Wave-Pops kommen trotzdem auf ihre Kosten. Wie schon die " Break "-EP von 2006, so hat auch das gerade veröffentlichte Album an allen Ecken und nicht-vorhandenen Kanten einen herausragenden Pop-Appeal und zahlreiche Hitsingles, die sich ohrwurmartig in die Gehirnwindungen schrauben. Die Songs bewegen sich fast ausschließlich in den bekannten Postpunk-Gefilden, irgendwo zwischen den allseits beliebten Indie-Größen wie Editors , Maximo Park und Interpol . Herausragend im Sinne von andersartig vielleicht noch " Asleep At The Wheel " - ein Exkurs in Richtung Psychedelic Rock/Shoegazing und "Sunday Sun", eine Pop-Perle die mich an The Mock Turtles bzw. deren Album "Two Sides" aus dem Jahre 1992 erinnert. Vermutlich wird man ohne " A Strange Education " auskommen können und ein bisschen mehr Eigenständigkeit hätte dieser jungen Band aus Glasgow gewiss gut getan. Dennoch, eine Platte auf die sich viele Indie-Pop-Fans werden einigen können, denn wer die LP komplett durchhört wird keinen schwachen Song finden. Produzentenlegende Stephen Hague ( New Order, Blur, James, Manic Street Preachers ) kann sich also eine weitere Top-Scheibe in sein Regal stellen, auch wenn dieser Review an vielen Stellen möglicherweise den gegenteiligen Eindruck erweckt. Im letzten Jahr waren The Cinematics bereits mit We Are Scientists und den Editors in England auf Tour und auch das deutsche Publikum konnte sich schon von den Live-Qualitäten der vier Schotten überzeugen, als sie zusammen mit Snow Patrol einige Deutschland-Termine absolvierten.

[Matthias Kammer für PoprockUnion 04/2007]


Bandmitglieder:  Scott Rinning (vocals, guitar), Ramsay Miller (guitar), Adam Goemans (bass), Ross Bonney (drums)

Musikstil:  Indierock, Postpunk

Vergleichbare Bands:  Editors , Starky , The Departure , The Cure, Duels , Campsite , The Mock Turtles


Ausgewählte Diskographie:

Break (EP, 2006)    
A Strange Education (LP, 2007)     
Love and Terror (LP, 2009)


Song-Empfehlungen:

1. Break  
2. A Strange Education  
3. Keep Forgetting  
4. Chase  
5. Sunday Sun  
6. Love and Terror








  • Carter U.S.M.

    Die musikalischen Wurzeln von Carter USM (für Carter The Unstoppable Sex Machine) lagen eindeutig im Punkrock, aber der Einsatz von energiegeladenen Keyboard-Sounds und einem dauerhaft ratternden Drum-Computer, verhalf zu einem eigenartigen Stilmix. Dieser Hi-Speed-Gitarrenpop paßte zwar nicht unbedingt zum hypnotischen Manchester-Rave-Sound von 1991, aber beliebt und tanzbar war er allemal.
    So konnte 1992 - The Love Album den ersten Platz der Charts in Großbritannien erreichen und mit der Single "The Impossible Dream" versuchten Carter USM sogar den im Vereinten Königreich traditionell sehr beliebten Weihnachtshit zu landen. Insgesamt eine sehr sympathische Band der 90er mit viel Humor und brillianten Ideen.

     
  • The Format

    Nachdem ich nun verstanden habe, daß hier in erster Linie nur gute bis sehr gute Platten rezensiert werden, möchte ich in diesem Review meinen Enthusiasmus zu The Format zum Ausdruck bringen. Hinter dieser Band aus Arizona verbergen sich, als Macher, Sänger Nate Ruess und der Multi-Instrumentalist Sam Means . Zusammen mit den weiteren (unten angegebenen) Bandmitgliedern haben sie das Album "Dog Problems" aufgenommen. Herausgekommen ist eine ungemein eingängige Demonstration an Einfallsreichtum, oder anders formuliert, bombastisch-verspielter Indie-Gitarrenpop, garniert mit allerlei Streichern, Bläsern, Glöckchen und vielfältigen Synthesizer-Klängen.

     
  • Helium

    Im Laufe der Zeit haben Helium ihre wütenden und progressiven Gitarrenausbrüche immer weiter zurückgefahren, wodurch mehr Raum für verspieltere Arrangements und eine reichhaltigere Instrumentierung geschaffen wurde. Diese Hinwendung zu eingängigeren und abwechslungsreicheren Songs wird besonders auf dem bislang letzten Album "The Magic City" (1997) deutlich. Danach wurden Helium erst einmal auf Eis gelegt, da sich Mary Timony ihrem eigenen Album widmete (The Golden Dove, 2002, ebenfalls auf Matador).