Nächste Folge von "Young man, seeks an interesting job. Will do anything legal." Hier, Tristan Brusch mit "My Ivory Mind", seinem 2. Album. Tristan Brusch kommt allem Anschein nach aus Deutschland, zumindest kann man die Label-Informationen so deuten. Aufgewachsen sei er aber in Virginia und Belfast, sagt der Waschzettel.

Vielleicht auch in Georgia bzw. Georgien - würde ich spekulieren. Jedenfalls hat dieser junge Singer/Songwriter eine reparaturbedürftig klingende Stimme, d.h. einen exzentrischen Akzent, der dem wohlwollenden Zuhörer dann doch wieder ein unglaubliches Hörererlebis beschert. Je nach Verfassung und Grundeinstellung wird der ein oder andere womöglich auch nach einem Logopäden rufen.

Wer Graf Zahl (Count) aus den Sesamstraße jemals im englischen Original gehört hat, der sollte die Anspielung verstehen können. Die einzelnen Songs, einzeln gehört, sind durchaus schwungvoll und bittersüß arrangiert - feine Songwriter-Perlen mit Anspruch. Die Melodien von Tristan Brusch sind zart, schön und klassisch, und eignen sich gut für puristische Nur-Gitarre-Arrangements. Dezent eingesetzte Basstupfer und schöne Streicherarrangements runden die Sache ab und machen die Platte hörenswert, durchaus auch dauerhaft spannend, wenn da nicht dieser Akzent wäre.
Auf Dauer ermüdet und entnervt mich diese eigenwillige Stimme und ich muß unwillkürlich an ein absurdes Schmierentheater denken. Jeden Moment warte ich darauf, daß vor meinem geistigen Auge ein Tanzbär mit vollbärtiger Jungfrau die Jahrmarktsbühne betritt. Was Tristan Brusch trotzdem weiterhin auf meiner Liste schützenswerter Künstler führen läßt, sind Lieder wie, " Strongly Forbidden You " oder " Gavotte In A " und seine erstaunlichen Fähigkeiten alle diese skurrilen Kleinode niemals peinlich oder aufgesetzt komisch wirken zu lassen. Man merkt, da fühlt jemand genug Ausdruckskraft und Mut, um diese vordergründig absurde Musik auf die Stufe umnebelter Genialität zu heben.

[Marc Hendricks - PoprockUnion - 06/2008]


Bandmitglieder:  Tristan Brusch (vocals, guitar, banjo), Fabian Simon (guitars,  vocals), Joel Siepmann (cello, banjo, glockenspiel), Vincent Brusch (cello), Jochen Brusch (violin), Malte Lichtenberg (bass), Stefan Dautel (bass), Matze Proellochs (drums)

Musikstil:  Indiepop

Vergleichbare Bands:  The Beatles, The Divine Comedy


Ausgewählte Diskographie:

My Ivory Mind (LP, 2008)


Song-Empfehlungen:

1. Gavotte In A
2. My Ivory Mind
3. Strongly Forbidden You
4. Little Funny Man

 

  • My Sister Grenadine

    Hinter My Sister Grenadine verbirgt sich der Berliner Gitarrist Vincenz Kokot , der u.a. auch Mitglied bei der Postrock-Band Polaroid Liquide ist. Im Juli erscheint das Album "Shine In The Dark" dieses Akustik-Projekts bei Solaris Empire und wir haben es uns angehört. Der Opener und Titelsong " Shine In The Dark " beginnt wie The Notwist bzw. beweist, wie man eine akustische Gitarre/Ukulele spannend zusammensamplen und sequenzieren kann.

     
  • Dover

    Der Name klingt nach einer Band aus dem Vereinten Königreich, so wie Kent beispielsweise, aber bei genauerem Hinhören kommt einem der Akzent der Sängerin irgendwie spanisch vor. Und tatsächlich, Dover sind Spanier, wurden 1992 gegründet, singen zumeist auf Englisch und können glücklicherweise nicht mit den Heroes del Silencio verglichen werden.

     
  • Flowered Up

    Eine Rave-Band die sich ab 1990 im Windschatten der erfolgreichen Happy Mondays bewegte und so auch vom Madchester-Hype profitieren konnte. Sie waren schon berühmt, noch bevor sie eine Platte veröffentlicht hatten und waren schon vergessen noch bevor ihr bester Track "Weekender" zur Hymne einer Generation werden konnte. Dabei war diese Single ein so treffender 13 Minuten Rave-Epos mit tollem Kurzfilm-Video, der die Lebenseinstellung der Rave-Generation perfekt thematisierte.